Das Wort der Erkenntnis (Teil3)

von Johannes Justus

Ja, Erkenntnis hat mit Einsicht, Verständnis und Wissen zu tun. Aber nicht nur. Die Bibel öffnet uns noch eine weitere Dimension.

Ich würde von mir behaupten, dass ich nach inzwischen 37 Ehejahren meine Frau ganz gut kenne. Aber nicht nur, weil ich viel über sie weiß, sondern weil ich mich bewusst auf ihre ganze Persönlichkeit eingelassen habe. „Was sind ihre Schwächen und Stärken? Was sind ihre Ängste und Wünsche? Was sind ihre Zweifel und Ziele?“ Dies alles darf ich kennenlernen aufgrund unserer intimen Beziehung. Und meine Frau kennt auch mich. In einem Moment der Stille sagte sie mir einst: „Du atmest anders. Erzähl bitte, was dich bewegt.“ Sogar an meinem Atem hatte sie erkannt, dass mich gerade etwas beschäftigte.

Die Bibel ermutigt uns, Gott mehr und mehr zu erkennen. Paulus sagt z.B., dass wir in der Erkenntnis Gottes zunehmen sollen, um reif und mündig zu werden (Epheser 4,13). Er meint nicht, dass wir noch mehr dogmatisches Wissen anhäufen sollten, sondern dass wir noch mehr das göttliche Wesen kennenlernen sollten. Wissen ist nicht gleich Kennen. Durch bloße Ansammlung von Informationen könnte ich alles über den Aufbau eines Klaviers wissen, und doch würde dies nichts über mein Verhältnis zur Musik aussagen und schon gar nichts über meine Fähigkeit, Klavier zu spielen.

Wer Gottes Wesen besser kennenlernt, wird außerdem sich selbst besser kennenlernen. Denn Gotteserkenntnis hat Selbsterkenntnis zur Folge. In seinem Licht erkennen wir unseren Schatten. Und in seiner Gnade finden wir unsere Vergebung. Gottes Wort ist für uns wie ein Spiegel (Jakobus 1,23). Wer hineinschaut, wird nicht nur Erkenntnis über Gott, sondern auch über sich selbst gewinnen.

Erkenntnis und Liebe

Der Apostel Johannes verbindet Erkenntnis mit Liebe (1. Johannes 4,7+8) und im Alten Testament wird der intimste Moment zwischen Mann und Frau als „Erkennen“ umschrieben (z.B. 1. Mose 4,1). Überhaupt gilt gerade im Alten Testament das Erkennen nicht als rein intellektueller Vorgang. Das oberste Erkenntnisorgan ist dort das Herz, mit dem der Mensch nicht nur fühlt und empfindet, sondern auch nachdenkt und erkennt (z.B. 5. Mose 8,5 oder Sprüche 18,15). Wer in geistlicher Erkenntnis wachsen möchte, sollte deshalb eine intime Beziehung mit Gott pflegen und sich mehr und mehr in sein Wesen verlieben. Diese Beziehung geschieht von Herz zu Herz und von Geist zu Geist.

In Bezug auf die Gabe des Wortes der Erkenntnis stellt sich am Ende die Frage: „Wie kann ich nun die geistgewirkte Erkenntnis nützlich einsetzen?“ Denn alle Geistesgaben sind zur Erbauung gegeben (1. Korinther 14,12). Das ist immer die Zielrichtung. Angenommen ich bete für einen Menschen, der starke Rückenschmerzen hat. Ich könnte ihm natürlich die im Gebet gewonnenen Erkenntnisse als Ratschläge „um die Ohren hauen“: „Du solltest mehr Sport machen. Du solltest weniger essen. Du solltest weniger vor dem Computer sitzen.“ Aber wenn sich Erkenntnis mit Liebe verbindet, dann werde ich auch die richtige Art der Weitergabe finden. Selbst mit dem besten Steak kann ich einen Hund füttern oder aber erschlagen. Deshalb müssen sich Erkenntnis und Liebe vereinen. Eines Tages wird die Erkenntnis vergehen, aber die Liebe wird in Ewigkeit Bestand haben (1. Korinther 13,8).

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